September 2012
„L’equipe rouge“ wurden sie von jedermann gerufen
„Jeder geht auf seinem eigenen Weg…“
Vielen Jakobspilgern auf dem langen Weg der „Via Podiensis“ begegneten Werner Bendix, Klaus Riester, Hannes Reis und Horst Bendix aus dem Mittelbereich Hechingen in rund drei Wochen durch Frankreich.
Nach längeren Vorbereitungen war es endlich soweit, die Erlebnisse zu suchen, aus dem Alltag auszusteigen, das Bewusstsein zu erweitern, eine persönliche Veränderung zu erfahren, ja, das alles erlebten die vier Jakobspilger Werner Bendix, Klaus Riester, Hannes Reis aus Hechingen sowie Horst Bendix aus Jungingen von der Hohenzollerischen Jakobusgesellschaft, als sie ihre Pilgerwanderung auf dem langen Weg der „Via Podiensis“ am 3. September begannen. Sie kehrten am letzten Wochenende wieder in die Heimat zurück mit einem Rucksack voller tiefer Eindrücke, lernten das Nachbarland Frankreich, die sympathischen Franzosen, die Auvergne so von seiner besten Seite kennen. Die deutsch-französische Freundschaft machte sich auch hier auf diesem besonderen Weg, der zu den Schönsten überhaupt zählt, bemerkbar. Schnell lernten man den Rhythmus des Weges kennen, manchmal waren es bis zu 27 Kilometer. Es war ein Weg der befreite, der einen aber auch auf die Probe stellte und an den Rand der Erschöpfung führte, vor allem als es steil bergan ging, und dass kilometerweit mit teils perfekt gepacktem, schwerem Rucksack sowie mit Pilgerstock. Die Pilgerfahrt begann im „Velay“ gelegen Marienwallfahrtsort Le Puy unweit von St. Etienne und Lyon. Im malerischen Städtchen schlossen sie letztes Jahr ihre Pilgerwanderung ab. Nun erschloss sich eine weitere Route über Naturschönheiten, romanische Kapellen oder Kathedralen, vielfältigem Vulkan-, Granit- und Kalksteingebirge von rund 350 Kilometern bis nach Cahors am Fluss des Lot, wo ein kräftiger Rotwein angebaut wird, an. Der tägliche Kampf um eine „Gite d’etape“ (Herberge) zermürbte „unseren Pilgerfreund Klaus“, den französisch sprechenden „Dolmetscher“ der Gruppe, das ein oder andere Mal fast ganz, aber alles ging gut. Am Abend hatte man immer eine Bleibe für die Nacht. Nach dem Überschreiten des Flusses Allier wurde das vulkanische Velay verlassen und ins Granitland der Margeride-Berglands über gewechselt. Inzwischen wurde die Gruppe der Hohenzollerischen Jakobusgesellschaft auch „L’equipe rouge“ von den Mitpilgern gerufen, weil sie überwiegend mit roten Rucksäcken und T-Shirts ausgerüstet waren. Internationale Begegnungen auf dem Pilgerweg und in den unterschiedlichsten, zum Teil sehr bescheidenen „Gites“ (Herbergen) bis zu fast zu feudalen vertieften das Abenteuer noch. Man war fasziniert über das Aubrac-Hochland mit seinen leicht gewellten Basalt- und Granithochflächen, von den typisch-schönen Aubrac-Rindern mit ihrem honigbraunen bis tiefbraunen Fell, die einen wichtigen Wirtschaftszweig in Frankreich darstellen. In den Sennhütten wird der Käse hergestellt, das landesspezifische Gericht „Allegot“, ein wohlschmeckender Käse-Kartoffelbrei mit dem Fleisch der Aubrac-Rinder, mundete allen. So ein Gericht müsste man auch Daheim anrichten, beschlossen die vier. Dann war man im Aumont-Aubrac, der kleine Ort, der gleichzeitig die Hauptstadt des gleichnamigen Kantons im Département Lozère ist, das hörte sich zunächst wichtig an, aber der Kanton hat nur 2100 Einwohner. Erstmals erklangen leise Töne von klassischer Musik von Chopin vom Band, als man im alten Gemäuer der „Gite das Abendessen sowie das Frühstück bei einem wahren Lebenskünstler einnahm. Über die alte Lotbrücke gelangte man nach Espalion zur romanischen Perserkirche, wo der Heilige und Märtyrer Hilarius um 760 während eines Gottesdienstes geköpft wurde. Gruselig! Mäanderdurchstich und die Burg begeisterten in Estaing, ehe man sich wieder auf dem Pilgerweg befand. Dann war Conques erreicht, ein Pilgerort par excellence. Mit dem Aufkommen der Wallfahrten wurde Conques eine bedeutende Station auf dem Pilgerweg. Hier wird die Heilige „Fides“ verehrt, und Paulus stellte schon fest: „Gott wählt gern den Schwächsten, um den Stärksten zu besiegen…“ Schon um die Mittagszeit war man im malerischen Dorf, nahm das Mittagsgebet mit Orgelspiel in der 44 Meter langen Abtei-Kirche mit. Das Essen war im Refektorium des Klosters, die Abendandacht mit Pilgersegnung mit Überreichung des „Johannes-Evangeliums“war eine spirituelle Geste an die vielen europäischen Pilger. Ausklang war um Punkt 22 Uhr mit leichter Orgelmusik, als man sich von den alten Mauern mit romanischer Architektur sichtlich ergriffen verabschiedete. Das Wandern durch eine herrliche Naturlandschaft mit viel Trüffel und Safran, mit Kuhweiden, die durch Schafweiden abgelöst wurden, erreichte man die Domäne von Paul und Lisal, zwei Deutsche, die sich auf dem Bergsporn rund 20 kleine Ferienhäuser leisten und sie an Pilger und Feriengäste vermieten. Welch herrliche Ruhe! Pilgerphilosophie bestimmte den Ablauf des Abends bei einem köstlichen Menü. Und wieder eine karge Nacht im Kloster „Filles de Jesus“ mit magerer Suppe, und eine karge Klosteracht begann, wo Hannes mit den Schnaken kämpfte. Eichen- und Wacholderbewuchs wechselten sich nun ab, als man mit dem Verlassen des Lottales wieder eine ganz andere Umgebung mit den steinernen Hütten der einstigen Schäfer, mit unendlich langen Steinmauern, die man am Wegrand entlang der Via Podiensis sah. Das ganze Land sah aus wie eine Mondlandschaft. Raureif lag am Morgen auf den Wiesen, es wurde Herbst, so könnte man sagen, als die Sonne die vier Pilger aus dem Hohenzollernland wärmte. „Wir hatten noch zwölf Kilometer bis Cahors“, die Pilgerwanderung neigte sich dem Ende. Eine wunderbare Pilgerreise mit Fortsetzung im nächsten Jahr ging zu Ende. Nach einer langen Fahrt mit Pkw von Le Puy über St. Etienne, Lyon, Muelhouse, Freiburg kamen Werner, Klaus, Hannes und Horst auf dem Hechinger Rewe-Parkplatz in den frühen Abendstunden an, sie ließen es sich nicht nehmen, den letzten Weg per Pedes mit einem „Mitbringsel“ zurück zu legen! „Um einen Weg wirklich zu verstehen, muss man ihn selbst gehen“, das haben die Vier getan! „Ultreia e sus e-ia, Deus ad-ju-va nos!“, der Gruß der vier Pilger Werner, Klaus, Hannes und Horst an die Hohenzollerische Jakobusgesellschaft.
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